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Diskussionsplatz - pädagogische Fragen - "spezielle" Kinder

Fallbeispiel: aggressives Kind

von cadderly (28.07.10 09:39:44)

Ich möchte ein Fallbeispiel bringen, bei dem es sich um ein aggressives Kind geht. Ich werde nur die Situation beschreiben und wie der Betreuer darauf reagiert hat.

 

Situation: Ein Junge hat einen anderen nach einem Streit um einen Ball geschubst. Daraufhin hat der andere Junge (Luka) den ersten geschlagen und dazu angesetzt, ihn weiter zu schlagen. Der erste ist weggelaufen, der zweite wutentbrannt hinterher. Luka hat sich in seine Aggression hineingesteigert. Er ist schon mehrfach durch ähnlich aggressives Verhalten aufgefallen und ließ in so einer Situation nicht mit sich reden (reagierte entweder garnicht, wenn er angesprochen wurde, oder nur mit dem Kommentar: "Ich werd den verprügeln!").

Der Betreuer stellte sich vor Luka, um die beiden zu trennen. Luka versuchte immerwieder, am Betreuer vorbei zu kommen, so dass dieser ihn festhielt, um weitere Gewalt gegen den anderen Jungen zu verhindern. Luka steigerte sich weiter in seine Aggression und richtete seine Gewalt gegen umstehende Ziele (andere Kinder, die das ganze als nettes Entertainment ansahen). Der Betreuer hielt den Jungen weiter fest.

 

Das Ende der Situation möchte ich erstmal offen lassen und bitte um Ideen, wie man mit der Situation anders hätte umgehen können oder einfach nur Meinungen zum Verhalten.

 

Noch ein paar Kurzinfos zu Luka:

Luka ist 10 Jahre alt. Sein Verhalten kann nach ICD-10 als auffällig eingestuft  werden. Sein aggressives Verhalten tritt regelmäßig auf. Der Kontakt zur Mutter ist bestenfalls sporadisch.

Ein paar Kurzinfos zur Einrichtung:

Offene Freizeiteinrichtung für Kinder von 6 - 13 Jahre. Eine ausgebildete Fachkraft, eine Honorarkraft in der Ausbildung und zwei ungelernte AGH-Kräfte. Keine festen Gruppen sondern eine hohe Fluktuation bei den Besuchern mit einigen Kindern, die regelmäßig kommen und einigen Kindern, die unregelmäßig oder nur einmalig kommen. Besucherzahl je nach Wetter und Angebot zwischen 30 und 80 Kindern (nicht auf einmal, sondern über den Tag verteilt), im Schnitt etwa 20 Kinder gleichzeitig in der Einrichtung.

Kommentar von mehlersoft (28.07.10 10:25:25)

Ich halte dies für einen speziellen Fall. Luca scheint keine Problemlösestrategien (außer Gewalt) gelernt zu haben und scheint - laut deiner Schilderung - auch kein Verständnis für die Situation, aber wohl leider auch keine Muster für das Umgehen mit den eigenen Gefühlen zu haben. Den Umgang mit Autorität lese ich ebenfalls als problembehaftet heraus.

In der akuten Gefahrensituation hat der Betreuer sich aus meiner Sicht insofern richtig verhalten, dass er Luka und den anderen versucht hat zu trennen. Wenn dies nur mit einem beherzten Zugreifen funktioniert, so ist es auch noch im Sinne der Gefahrenabwendung von anderen vertretbar und leider häufig auch schon das letzte Mittel. Wichtig hätte ich es jetzt aber gefunden den Jungen von der Restgruppe zu trennen, um ihm so das Publikum zu nehmen und durch den Ort- bzw. Umfeldwechsel schon die "Wichtigkeit" der Tat klar zu machen. Ob dabei Luca mit dem Betreuer geht oder eben andere Betreuer die anderen Kinder zu einem Spiel o.ä. wegholen, ist dabei von der Situation und auch davon, wie eingespielt das Team ist, abhängig.

Nachdem Luca isoliert (bis auf einen Betreuer) ist, gibt es mehrere Möglichkeiten:

  • Luca lässt nicht mit sich reden und ist in seinen Aggressionen weiterhin gefangen. Jetzt taucht das Problem der offenen Freizeiteinrichtung auf. Eine mögliche Strategie wäre der Time-Out, den ich jedoch hier kaum umsetzbar sehe. Daher fürchte ich, dass man lange und vor allem positiv (was man so über ihn weiß) bzw. auch über andere Themen (Fußball, etc.) reden sollte. Auch wenn dies in den ersten Minuten zum Monolog werden kann, ist es hilfreich, um Luca aus seinem Gefühlsstrudel herauszuholen. Hat man dann einige Zeit noch mit Antworten von ihm eine positive Grundstimmung mit Akzeptanz hergestellt, kann man dann den eigentlichen Vorfall wieder ansprechen (jedoch mit dem alten Grundsatz: "Kritisiere niemals eine Person, sondern nur das Verhalten!"). Damit er nicht wieder gleich in den Rechtfertigungs- und Verteidigungsmodus geht, wäre auch eine abstraktere Behandlung des Themas (allgemein und nicht am aktuellen Fall) denbkbar.
  • Luca reagiert auf den Szenenwechsel und lässt mit sich reden (s. Ende des vorherigen Falls)
Wichtig finde ich dabei aber, dass man ihm Strategien nennt, wie man sich stattdessen in solch einer Situation verhalten könnte und einen Umgang mit diesen übt (evtl. Theatermethoden) - wobei dies für die offene Freizeiteinrichtung aber auch schon zu schwierig werden könnte.
Kommentar von RatzenKatze (31.07.10 17:37:44)

Um dazu was zu sagen, müsste ich wissen, wie andere Situation, in denen Luka aggressiv auf andere losgegangen ist, ausgegangen sind. Wenn er letztendlich den anderen nur zu Boden drücken würde und gut wärs, fänd ich das in Ordnung, schließlich hat er ja durchaus das Recht, sich für das Verhalten des anderen Kindes angemessen zu revanchieren.

Außerdem müsste man wissen, inwieweit der andere Junge ihm unterlegen wäre. Davon würde ich abhängig machen, wie schnell ich reagieren würde. Also allgemein erstmal Gefahrenklärung.

Ansonsten finde ich Festhalten zur Gefahrenabwendung absolut okay, habe ich auch schon bei Kindern gemacht, die sich selbst in ihren aggessiven Momenten nicht mehr unter Kontrolle hatten. Wo systematisierst du seine Erkrankung nach ICD-10? Hast du eine Ausbildung, um dies diagnostizieren zu können?

Problematisch sehe ich eher, wie man im Nachhinein mit solchen Vorfällen umgeht, da man in einer offenen Einrichtung nur schwer mit Konsequenzen arbeiten kann - außer Ausschluss.

Kommentar von cadderly (02.08.10 10:18:50)

Luka reagiert in fallen von uns beobachteten Situationen mit Gewalt, beginnent mit verbalen Beschimpfungen, die dann sehr schnell zu köperlicher Gewalt umschlagen. Dabei kommt es auch vor, dass er harmlose Situatonen (jemand rempelt ihn versehentlich an) fehlinterpretiert und als Angrifff wertet mit der Konsequenz, dass er das andere Kind schlägt. Diese Interpretation bleibt in vielen Fällen auch nach einem Gespräch bestehen. Kann er sein Ziel nicht mehr angreifen (Weil das Kind weggelaufen ist), richtet sich seine Aggression gegen andere Kinder oder gegen Objekte.

Ich bin Pädagoge mit Schwerpunkt "psychosozial gestörte Kinder", die DIagnostik hab ich an der Uni gelernt, praktische Erfahrung hatte ich in einer Familienberatungsstelle.




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