Das Haus und der schwarze Mann
von mehlersoft (14.06.10 23:06:15)Es war einmal ein alter Mann. Er lebte hier ganz in der Nähe. Kennst Du das alte, halb verfallene Haus unten am Fluß? Genau dort lebte er. Um diesen Mann gab es viele Geschichten bei uns im Dorf: "Er sei mit dem Satan im Bunde. Er wäre Graf Dracula. Er sei ein Vampir. Er wäre ein Untoter." Er ging nur nachts vor die Tür. Die Fenster waren immer zu und mit schwarzem Papier verklebt. Den Kindern im Dorf wurde gesagt, sie sollen nicht am Fluß spielen; sie sollen sich fern von diesem Haus halten. Niemand wusste, woher der Mann kam oder wer er war. Aber die Alten sagten, er wäre schon vor ihnen dagewesen.
Natürlich war es für uns Kinder interessant dieses Haus vom anderen Flußufer zu beobachten. Wir saßen häufig tagsüber dort und warteten darauf, dass irgendwas in dem Haus passieren würde. Doch meist steig nur Rauch aus dem Kamin und nichts passierte. Als mich meine Eltern mal wieder beim Beobachten des Hauses erwischt hatten - ich war wohl 12 Jahre alt -, hielten sie mir keine Standpauke, sondern schickten mich zu meiner Oma mit den Worten: "Frage, was Herbert passiert ist!" Ich war überrascht über diese Reaktion und ging zu meiner Oma. Nach einigen Begrüßungen fragte ich schließlich meine Oma: "Oma, was ist mit Herbert passiert?" Oma wurde ganz weis, setze sich, wurde ganz still und sagte dann mit einem sehr traurigen Ausdruck in ihren Augen zu mir: "
Es ist also soweit. Setz dich hin. Wir haben dir dies all die Jahre nicht erzählt. Wir wollten dich nicht ängstigen. Herbert war mein Bruder. Herbert und ich saßen gerne beim alten Haus, unten am Fluß. Wir wollten doch nur wissen, was mit diesem Mann ist! Wir haben nicht auf unsere Eltern gehört und saßen häufig so wie du heute am anderen Flußufer. Wir haben dort viel Quatsch gemacht, uns alles mögliche erzählt und viel gelacht. Doch als ich 8 Jahre war, vergaßen wir das Heimgehen. Wir saßen noch dort, als es dämmrig war ... und es wurde dunkel."
Meine Oma musste schlucken und erste Tränen liefen über ihre Wangen. Es dauerte, bis sie weitererzählte: "Auf einmal flog die Tür des Hauses auf der anderen Flußseite auf. Der alte Mann, ganz in schwarz gekleidet, stand urplötzlich vor der Haustür. Und eine durchdringende Stimme rief: "Komm!" Sie schien nicht von Mann, sondern vom Haus auszugehen. Es war unheimlich. Ich wollte wegrennen. Doch ich sah, wie Herbert aufstand und zum Haus lief. Er war nicht er selbst. Ich warf ihn auf den Boden. Die Stimme rief: "Kommmmmmm!" Er warf mich ab. Ich klammerte mich an seine Beine. Er schritt einfach weiter, als wäre nichts! Die Stimme rief: "Kommmmmmm!" Ich fiel von ihm ab. Ich staunte! Er schwebte über den Fluß direkt auf das Haus zu! Die Stimme rief: "Kommmmmmm!" Er schwebte direkt in das Haus. Die Tür schloß sich. Der Mann verschwand wieder so urplötzlich wie er gekommen war. Ich rannte heulend heim, ich schrie!"
Meine Oma packte sich neue Taschentücher aus, trocknete sich die Tränen ab und sah sehr traurig aus. Sie erzählte weiter: "Gleich nachdem ich zu Hause angekommen und berichtet hatte, ging mein Vater und meine Nachbarn, eigentlich das ganze Dorf, mit Waffen und Fackeln zum Haus. Sie wollten Herbert wieder herausholen. Doch als sie unten am Fluß ankamen, war dort kein altes, halb verfallenes Haus mehr. Dort stand ein neues, sehr gepflegtes Haus und vor ihm stand ein kleiner Mann in einem schwarzem Umhang. Dieser rief: "Geht! Geht! Geht! Verschwindet! Das Haus hat mich! Passt besser auf eure Kinder auf! Verschwindet!" Und warf mit Feuerkugeln nach meinem Vater und den anderen Dorfbewohnern, die aus nichts auf seiner Handfläche entstanden.
Ich war danach noch sehr häufig am Fluß. Ich wollte wissen, was mit Herbert passiert ist. Ich habe weder ihn noch den schwarzen Mann jemals wieder gesehen. Doch ich glaube, dass Herbert der neue Mann des Hauses ist. Ich habe Briefe vor die Tür geworfen, doch nur einmal eine Antwort bekommen. Das habe ich niemandem erzählt. Doch dir möchte ich die Antwort erzählen. Sie lautete: "Pass auf deine Enkel auf!""
Und im selben Moment meinte ich ganz leise eine ganz feine, tiefe Stimme zu hören, die rief: "Kommmmmmm!"
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