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Diskussionsplatz - Pädagogische Fragen - "spezielle" Kinder

Eskalierter Raufbold

von mehlersoft (22.11.09 19:35:11)

Dies ist das erste Situationsbeispiel von pädagogisches Handeln neu durchdacht (Vorschau), wie es sich bei einer Ferienfahrt, einem Lager oder einer Gruppenstunde zutragen könnte.  Mich interessiert dabei, was Du tun würdest, wie Du in dieser Situation reagieren würdest. Über weitere Situationsbeispiele freue ich mich natürlich (bitte in pädagogisches Handeln neu durchdacht (Vorschau)).

 

Während der Ferienfahrt fällt Tom immer wieder durch Raufereien mit anderen Teilnehmern auf, die er aber häufig selbst provoziert. Zwei Tage vor Ende der Ferienfahrt hält er einem anderen Jungen sein Messer an den Hals. Wie im Gespräch hinterher herauskommt "einfach mal so, aus Spaß".

Kommentar von Matze2903 (22.11.09 20:45:23)

Da immer wieder Raufereien mit anderen Teilnehmern stattfanden, die von ihm ausgelöst wurden, also nichts mehr leichtes und dann die Geschichte mit dem Messer, einfach ohne Grund (auch wenn es einen Grund gehabt hätte)halt so aus Spass, ... ich würde ihn heimschicken, da ich nicht weiß was als nächstes kommt. Nächstes mal zieht er dann das Messer einem anderen über den Hals oder auch nicht. Mir wäre das zu gefährlich
Kommentar von cadderly (23.11.09 11:38:59)

Zwei Fragen vorab, von denen meine Reaktion abhängen würde:

1. War den Betreuern bekannt, dass der Junge ein Messer mit hat?

2. Wie wurde vorher auf das Verhalten des Kindes reagiert (Konsequenzen, Sanktionen)?

Kommentar von mehlersoft (23.11.09 13:44:27)

Messer = Essensmesser

Zur zweiten Frage würde ich eher die Antwort aktuell noch offen lassen, wie würdest Du denn reagieren, wenn bzw. wenn noch keine Konsequenzen/Sanktionen eingeführt/durchgeführt wurden.

Kommentar von Wuffi2209 (25.11.09 18:16:34)

Es geht hier um einen Jungen, der häufig Rauferein verursacht und zwei Tage vor dem Ende der Freizeit einem anderen Kind das Messer an den Hals hängt.

Die Frage ist, in wie fern die anderen Raufereien bereits Grenzen der Gruppenleitung überschritten haben. Wenn alles noch in einem "angemessenen" Rahmen verliefen und keiner weiter verletzt wurde, würde ich den Jungen zur Seite nehmen und über dieses Thema mit ihm reden: "Hat er so was aus Spaß auch bei anderen Leuten gesehen" Ich würde ihn auch fragen, ob er sich schon mal mit einem Messer geschnitten hat, dieses wehgetan oder gar geblutet hat. Mit seinem Einverständnis würde ich das "Opfer" dazuholen und es fragen, wie er sich gefühlt hat. Dann soll er mal schildern. 

Abends würde ich eine große Runde machen und über Gewalt sprechen. Spiele spielen, die zu diesem Thema passen. Wie fühlt man sich in der Opferrolle (Außenseiterspiele, Nein-Sagen-Spiele, etc.). Einfach um die Kinder nicht ohne schlechtes Gefühl ins Bett zu schicken. 

 Nach Hause würde ich den Raufbold zwei Tage vor Ende der Fahrt nicht mehr. Allerdings würde ich seine Eltern informieren (ihm dieses auch sagen) und ihm gewisse Regeln auferlegen. Beim Essen neben einer Person der Gruppenleitung sitzen, straffe Regeln, was das Entfernen aus dem Lager betrifft (Straffe Uhrzeiten, nur mit Gewissen Kindern und Gruppenleitung).

Das kann ganz schön anstregend werden. Das ist mir klar. Aber dem Raufbold wird nicht geholfen werden, wenn er nach Hause geschickt wird. Eher im Gegenteil. Wenn das nicht zusammen mit ihm geklärt wird und keine Regelungen für die letzten zwei Tage geschaffen wird, wollen viele nichts mehr mit ihm zu tun haben. Dadurch wird das Raufboldverhalten nur noch gestärkt.

 

Kommentar von frankschae (25.11.09 20:40:44)

Ich muss sagen, ich bin von der Idee Kinder nach hause zu schicken immer nicht so begeistert. Dem Kind würde ich seine Handlungen selber reflektieren lassen und wie Vivien vorher schon geschrieben hat auch das Opfer hinzuholen. Wichtig wäre mir dabei eine ruhige neutrale Umgebung. Natürlich lässt man so einem Kind in Zukunft ein wenig mehr Beobachtung zukommen, um eventuell einzugreifen, falls wirklich noch mal etwas passiert. ( Das ist ja durchaus keine Bagatelle, mit einem Messer auf einen anderen Teilnehmer los zu gehen). Trotz allem sollte die Heimfahrt für alle Teilnehmer, die äußerste Maßnahme sein. Meiner Meinung nach sind gerade für solche Kinder, die nicht ganz einfach sind solche Freizeiten doch ganz wichtig, um zu lernen sich auch anders als mit schlagen und kämpfen zu behaupten. Oft lässt sich in diesem Alter noch einiges am Charakter drehen. Das sollte man als Jugendleiter, dem seine Kinder am Herzen liegen bedenken...

Kommentar von cadderly (26.11.09 11:33:56)

Ich würde, ähnlich wie Vivien, den Jungen zu einem Gespräch zur Seite nehmen. Das Opfer sollte auf jeden Fall dabei sein, zum einem, um seine Seite der Situation zu schildern (Wie hat er sich gefühlt?), zum anderen auch, damit das bedrohte Kind sieht, wir nehmen die Sache ernst und kümmern uns darum. Das Gespräch sollte jemand führen, der Erfahrung in Gesprächsführung und am Besten auch in Verhaltensmodifikation hat, denn es soll ja nicht nur eine Standpauke werden.

Dem auffälligen Jungen muss klar gemacht werden, dass sein Verhalten inakzeptabel war. Dazu gehört auch die Begründung, dass ein anderes Kind mit dem Messer bedrohen weit über einen Spass hinausgeht und gefährlich sein kann. Hier kann das Opfer einen Beitrag leisten, indem es schildert, ob es für ihn Spass war oder eher bedrohlich.

Ob der Junge nach Hause geschickt wird, würde ich von mehreren Faktoren abhängig machen. Dazu gehört seine Reaktion auf das Gespräch, zeigt er Einsicht, denkt er über sein Verhalten nach oder eher darüber, welche Reaktion ich als Betreuer erwarte, ist ihm sein Fehlverhalten bewusst geworden oder sieht er es immernoch als Lappalie an. Je nachdem, wie gut man das Kind kennt, lässt sich seine Aufrichtigkeit sehr gut einschätzen. Da spielt auch sein vorhergehendes Verhalten mit ein. Sah er sich in vorhergehenden Konflikten immer als Opfer, selbst wenn klar war, dass er der Initiator war, sind immer die anderen Schuld. Notwendig und hilfreich ist auch ein Gespräch mit den Eltern. Sie sollten über das Verhalten des Kindes informiert werden. Bei diesem Gespräch kann man auch erfahren, ob ähnliche Situationen schon früher aufgetreten sind. Somit bekommt man ein Gesamtbild des Kindes und kann entscheiden, ob das Verhalten eine unüberlegte Spontanaktion war, oder ob sich eine Tendenz zu Risiko- und Konfliktverhalten abzeichnet. Auf dieser Grundlage kann ich den Grad der Gefährdung einschätzen.

Wichtig für mich wäre auch ein Teamgespräch, um die Frage zu klären, warum bei den vorhergehenden Situationen keine Konsequenzen ausgesprochen wurden. Da liegt ein klares Defizit bei den Betreuern vor. Diese hätten unter Umständen die gefährliche Situation vermeiden können indem sie dem Kind bereits im Vorfeld klare Grenzen setzen und bei einem Übertreten konsequent reagieren. Ein Kind kann durchaus ein oder zweimal knapp an der Grenze vobeischlittern. Tritt ein ähnliches Verhalten jedoch häufiger auf, ist es an den Betreuern, darauf zu reagieren und das Kind darauf hinzuweisen, dass sein Verhalten sich an den Grenzen der Gruppenregeln (sofern solche existieren) bewegt. So kann das Kind schon rechtzeitig lernen, dass seine Aktionen Reaktionen und Konsequenzen seitens der Betreuer nach sich ziehen.

Kommentar von Matze2903 (26.11.09 21:40:25)

OK ich gebe euch ja recht, man muß die Geschichte differenziert sehen.
Kommentar von Unbekannt (29.11.09 13:11:09)



User ausgetreten

Da es ein Beispiel aus meinen Erfahrungen ist, gebe ich hier kurz an, was wir gemacht hatten:

Ein kurzer Wort vorweg: Es handelte sich um eine offene Freizeit, d.h. wir kennen die Teilnehmer vorher nicht und sehen diese - wenn überhaupt - erst auf der nächsten Ferienfahrt wieder. Die Voraussetzungen für eine langfristige und zielgerichte Verhaltensbeeinflussung sind somit nicht gegeben.

 

Zum Fall: Wir hatten von Anfang an das Gespräch mit dem Jungen und seinen "Opfern" gesucht. Da er am Tag vorher noch eine Essensschlacht angefangen hatte, war er leider auf der letzten Verwarnungsstufe und wollten diesen nach dieser Messer-Aktion heimschicken (übrigens: für das Opfer war es kein Spaß).  Daher haben wir versucht dessen Eltern zu erreichen. Was uns leider auch in den folgenden zwei Tagen nicht gelang. Daher hatten wir uns während den Frei-Phasen für eine unauffällige Dauerüberwachung des Jungen entschieden (was übrigens keinem Kind aufgefallen war).

 

Was hättet ihr in diesem Fall gemacht?

 

Kommentar von Gerard (30.11.09 14:25:06)

"Daher haben wir versucht dessen Eltern zu erreichen. Was uns leider auch in den folgenden zwei Tagen nicht gelang."

Tolle Eltern

(Ironiemodus aus)

Wäre eventuell aber auch eine Erklärung für das Verhalten des Jungen.

War wenigstens nach der Freizeit ein Gespräch mit den Eltern möglich?

Kommentar von maxhel (16.01.10 18:57:49)

Nun ja, das erinnert mich an einen ähnlichen Fall. Nach dem wir den Jungen nicht heimschicken konnten, wurde er in ein anderes Ferienlager verbracht. Da kam dann heraus, dass er sich nur so aufgeführt hat, weil er unbedingt wieder nach Hause wollte. Nach dem er festgestellt hat, dass sein Verhalten nicht dazu führte, war er ganz verträglich...

Somit steht hinter dem Verhalten manchmal ein Grund, den man nicht so schnell erkennt 

Kommentar von singsing (22.03.10 22:49:18)

Ich kenne einen ähnlichen Fall...

Aus irgendeinem Grund konnte der Junge nicht nach Hause geschickt werden. Weiß ich nichtmehr. Da der Junge aber nach mehreren ernsten Gesprächen nicht Einsichtig wurde, beschäftigte er sich während seiner Freizeit, d. h. außerhalb der Programmpunkte mit wichtigen Aufgaben, wie z. B. Kartoffeln schälen, abspülen, Putzen ect.    Diese Aufgaben erledigte er erstaunlicherweise relativ diszipliniert. Und ab dem Zeitpunkt war er denke ich körperlich einfach ausgelastet und hatte keine Motivation mehr Raufereien zu starten. 

Ich denke bei solchen Typen ist es einfach wichtig, die anderen Kinder zu schützen. Auf welche Art auch immer. Schön ist es, wenn sich der Täter dabei noch nützlich machen kann :-)

Wie allerdings vorgegangen worden wäre, wenn der Junge bei seinen "Strafarbeiten" nicht mitgemacht hätte, kann ich mir gerade auch nciht vorstellen...  




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