sanktionen und strafen
von cadderly (31.07.08 09:37:57)ich arbeite in einer einrichtung in einem "stadtteil mit erhöhtem förderbedarf", heist sozialer brennpunkt mit hohem migrantentenanteil und einigen problemkindern. wir haben unteranderem adhs- und verhaltensaufällige kinder. in unserer einrichtung haben wir regeln zum miteinander aufgestellt und sogar ausgehängt. bei verstössen wird das kind, je nach schwere des verstosses zwischen dreissig minuten und einem tag des hauses verwiesen mit der anweisung, sich über sein verhalten gedanken zu machen, und wie er/sie das wieder bereinigen kann. in harten fällen versuchen wir, das problem in einzelgesprächen zu lösen. wir versuchen, den kindern zu vermitteln, dass alles, was wir an sanktionen verhängen, konsequenzen auf ihr verhalten sind, heist: du hälst dich nicht an die regeln, also wirst du sanktioniert. gerade agressives und unflätiges verhalten für häufig zu einer "auszeit" vor der tür, um runterzukommen und über das verhalten nachzudenken.
ich würde gerne wissen, welche erfahrungen ihr mit solchen kindern gemacht hab, und wie ihr damit umgegangen seit. vielleicht habt ihr ideen, wie man unser system verbessern könnte.
ciao holger
ps: von strafen halte ich wenig, da sie meist abgetrennt von der tat sind. ich bevorzuge sanktionen oder besser konseqenzen, die einen direkten bezug zum verhalten haben, so ist auch für die kinder verstänlicher, warum sie den raum verlassen müssen, oder an einer aktivität nicht teilnehmen dürfen.
Eine Frage:
Kommen die Kinder freiwillig in eure "Einrichtung" oder werden sie gezwungen dorthin zu gehen?
Ich denke dies macht einen grossen Unterschied, was für Strafen und Sanktionen man einführt...
wir sind eine offene einrichtung für kinder von 6 bis 13. allerdings sind wir in dem stadtteil die einzige anlaufstelle. sie werden also nicht gezwungen, haben aber sonst wenig andere möglichkeiten. an der zahl, der kinder, die regelmässig kommen, kann man sehen, dass die einrichtung bestandteil ihres soziallebens geworden ist. deshalb reagieren sie auch sehr gut auf hausverbote und auszeiten. sie wollen wiederkommen und suchen in der regel nach möglichkeiten, dies zu erreichen. in ca. 90% schafen sie es selber, sich für ihr verhalten zu entschuldigen, seis bei den betreuern, oder bei den kinder, mit denen sie einen konflikt hatten. bei einigen kindern müssen wir als betreuer unterstützend eingreifen und vermitteln. einige kinder sind jedoch uneinsichtig und kommen diesen tag nicht wieder. aber im lauf der woche tauchen sie wieder auf. nur in seltenen fällen stehen härtere massnahmen, wie mehrtägiges hausverbot oder elterngespräche an. das kommt nur dann vor, wenn ein kind sich vermehrt unsozial verhält oder mehrfach andere kinder bedroht oder schlägt. wir versuchen erst, mit dem kind ins gespräch zu kommen. wenn es nicht fruchtet, werden die eltern angerufen oder angeschrieben und zum gespräch gebeten. klappt leider nicht immer, da einige eltern wenig interesse zeigen.
Hallo
Ich habe das letzte Jahr selbst in einer Einrichtung mit erhöten individuellen Förderbedarf gearbeitet. für mich war es ein erfahrungsreiches Jahr und es hat einige Zeit gedauert, bis die Jugendlichen mich als Bezugsperson angenommen haben. Als Sanktionen habe ich die Variante durchgeführt, dass die Kinder nicht bei einer Aktivität dabei sein konnten und zuschauen mussten. Desweiterne hatten wir noch ein System, bei dem sich die Kinder für ein gutes Verhalten den Ganzen Tag über einen Smilie verdienen konnten. Bei fünf smilies gab es dann eine kleine AUfmerksamkeit odre das Kind durfte etwas machen, was es schon immer gerne machen wollte, z.B. eine Einzelaktion mit einem Betreuer (wenn es möglich war z. B. Airtramp...)
Ich finde es nämlich besser und sinnvoller die positven verhaltensweisen zu verstärken, allerdings ist es auch notwendig die negativen Verhaltensweisen zu sanktionieren.
Ich hoffe ich konnte dir helfen
Liebe Grüße
TINA
hi tina
das smilie-system haben wir in abgewandelter form schon mal getestet. scheiterte leider an der hohen fluktuation, die wir haben, die kinder sind einfach nicht jeden tag da. wir versuchen momentan, positives verhalten direkt durch mehr aufmerksamkeit zu belohnen. für einzelbetreuung sind wir einfach zu unterbesetzt, vier betreuer auf 60 kinder, da ist einzelbetreuung einfach nicht drin. ich mach ja das mal/ bastelprojekt. da halte ich es so, wer am lautesten schreit, muss am längsten warten. so haben viele der kinder mittlerweile gelernt, zu warten, bis sie dran sind (hab im schnitt 8-10 kinder, die alle gleichzeitig versorgt werden wollen). ist irgentwo immer ein wechselspiel zwischen aufmerksamkeit und konsequenz. ist manchmal schwer, da ich auch nur ein mensch bin und bei den kinder einige lieber hab, als andere. manche sind einfacher zu händeln, aber ich bemühe mich, auch bei den schwierigen kinden fair zu bleiben.
was ist eigentlich "airtramp", hab das noch nie gehört?
hat mir auf jedenfall geholfen, seis nurdadurch, dass ich das system nochmal überdenke und überlege, wie man es bei uns umsetzten kann.
danke
liebe grüsse zurück
holger
Hi
Zwecks Airtramp. Das ist so was wie eine riesengroße Hüpfburg - Halb so groß wie eine Turnhalle. Dabei können sich die Kids richtig auspowern und auch gut darauf entspannen. Manche haben sogar so ein Airtramp, dass die Kids untendrunter Kriechen könnnen und sich so zurückziehen und entspannen können. In dieser Höhle sind dann Lichtschläuche etc. drin. Also ich muss sagen, die Kids brauchen das auf jeden Fall das ganze Auspowern, denn ansnsonten wären sie wirklich nicht so leicht zu haben.
Liebe Grüße
TINA
Wichtig wäre Konsquenz, einmal eine Strafe ausgesprochen und die muss durchgeführt werden. Wobei ich Hausverbote als aller letzte Möglichkeit nehmen würde und die möglichst vermeiden. Habt ihr nen Billardtisch oder so Dinge? Da könntet ihr ne Liste machen und wer Mist baut, der fliegt aus der Liste raus und dann darf eben nen anderer den Tisch von 15-16Uhr benutzen oder so (beispielsweise).
Ansonsten ist wichtig, dass du auf die Kids (gerade auf die Kids die dir nicht so sympatisch sind) zugehst wenn sie ihre Sanktionen abgesessen haben. Das ist unheimlich wichtig. Richtig was ändern werden die an ihrem Verhalten erst, wenn sie sich als Person wahrnehmen. An Sprüchen wie "Hey lass den Mist, da bekommt der Holger Ärger" & Co merkste das...
Und sieh das Gute in denen! Nur wenige nehmen solche sozial schwachen Kids wirklich als Kinder wahr :( Die meisten sind nicht böse, sondern sie werden in diese Rollen gedrückt. Wenn man die mal allein vor sich hat und so über Gott und die Welt quatscht merkt man wie viele ihre Fassade fallen lassen. War für mich eine riesen Überraschung...
In allen Kids - was auch immer sie angestellt haben mögen - steckt n guter Kern.
@chris
hab mich vielleicht falsch ausgedrückt. wir versuchen, die konsequenzen möglichst gering zu halten und mit den kindern im gespräch zu klären, wofür sie die konsequenz bekommen haben. in den meisten fällen geht es nur um eine auszeit (zw. 5 und 30 minuten), hausverbote werden nur in härtefällen (z.b. gewalt gegen andere kinder) erteilt und dann auch nur für den rest des tages oder machmal auch für den darauffolgenden tag. ein gepräch gibt es aber immer.
ich glaube immernoch an das gute im kind. ich hab kinder erlebt, die sich den einen tag prügeln, als geb es keinen morgen, und den anderen tag karten basteln für den muttertag.
nachtrag
ich hatte den ruf des "bösen holgers" schonmal. die kinder sagten: sei vorsichtig, der ist sehr streng. hat mir zu denken gegeben, ob ich meine linie nicht verändern sollte. hat dazu geführt, dass sanktionen weniger geworden sind, da ich eher ein gespräch, oder die auszeit vorziehe. die kommunikation im team ist gerade dabei wichtig, da die kinder sonst anfangen, die betreuer auszutricksen und die konsequenz der massnahme nicht gewährleistet ist. kann dazu fürhen, dass es "böse" und "gute" betreuer gibt, was die stimmung im team auf einen nullpunkt bringen kann. besonders das zurücknehmen einer sanktion durch den leiter vor den kindern, kann eine gruppe extrem schwächen, da die autorität des betreuers, der die sanktion ausgesprochen hat, massiv unterminiert wird und er schnell zu einem "bösen" betreuer wird.
Böser Betreuer wirst du nur wenn du zu schnell, ohne Vorwarnung, unverhältnismässig oder ohne Erklärungen sanktionierst.
Die allgemeinen Regeln wie: Keinen Betreuerstreit vor Kids, Kein Betreuer fällt dem andren in den Rücken, Kommunikation von Sanktionen und eben Erklärung des "Warums" sind natürlich das Fundament auf das sowas münzt. Ohne das wird es höllisch schwer bis unmöglich irgendetwas zu verändern :(
meine einstellung hab ich schon lange geändert (s.o.). seitdem ist das verhältnis zu den kids besser geworden. das system mit den auszeiten funktioniert, die harten sanktionen sind zurückgegangen. die kids akzeptieren eher eine auszeit, bei der sie runterkommen können, als ein hausverbot für ein lappalie (find ich selber unverhältmässig). bei vorwarnungen halten wir es so, zwei vorwarnungen mit erklärung, warum, beim drittenmal gibt es eine auszeit.
zu den allgemeinen regeln stimm ich dir zu, aber wir haben immerwieder eurokräfte, die nicht in diesem bereich geschult sind oder nicht zur kommunikation bereit sind. hatten sogar schon zwei, die bei jedem vverstoss gegen die regeln angefangenhaben, zu brüllen und massig hausverbote erteilten. für mich ein absolutes no-go. sowohl hausverbote, als auch laut werden sind die letzten mittel, die wir haben und sollten nur in situationen eingesezt werden, wo andere kinder gefährdet sind. das "warum" konnten wir bei beiden leider nicht klären.
Bei uns gibt es nicht so viele Aktionen, bei denen wir Sanktionen verhängen müssen. Möchte hier deswege nochmal auf die Ausführung von Holger eingehen, der richtig beschrieben hat, dass man aufpassen muss, da die Kids sonst die Teamer austricksen.
Wir haben jedes Jahr eine Tanz-in-den-Mai Veranstaltung mit Übernachtung für Kids. Es sind in der Regel 70 Kids und 10 Teamer. Allerdings gibt es ja nicht nur die Aufgabe, im Raum aufzupassen, sondern parallel Ordnung zu halten, Essen und Trinken rauszustellen und noch einiges mehr. In dem ersten Jahr ist es vermehrt vorgekommen, dass Kinder negativ aufgefallen sind und ein Teamer das bemerkt hat. Der hat dann mit dem Betroffenen gesprochen. Kurze Zeit später, ist das selbe Kind wieder auffällig geworden und von einem anderen Teamer zur Seite genommen worden. So hat zum Beispiel ein Kind richtig viele Verwarnungen bekommen, weil keiner von dem Teamer wusste, dass auch dieser schon mit dem Kind gesprochen hat. Es ist auch kaum Zeit miteinander zu reden. Erst als die Kinder im Bett waren, haben wir dann von den vielen Verwarnungen gehört.
Danach das Jahr haben wir eine Liste mit den Teilnehmern erstellt. Ist ein Kind negativ aufgefallen, wurde es an "an die Hand genommen" und mit zur Liste genommen. Dann gab es einen Strich (wir haben vorher darauf hingewiesen, dass bei drei Strichen die Eltern kommen müssen). Ist das Kind wieder negativ aufgefallen, gab es wieder einen Strich. Und da sieht evtl. ein anderer Teamer, dass es schon einen Strich gibt. Also ist danach Achtung geboten.
Wir hatten bei Einführung ein paar mal zwei Striche und in den darauf folgenden Jahren höchstens mal einen Strich bei ein paar Kindern, bzw. gar keinen. Das System hat sich also bewährt und wir geben dieses als Überlegung auch an die neuen Betreuer weiter. Wäre vielleicht auch für euch eine Idee.
Bye Vivien
Also das mit den Strichen ist aber die Holzhammermethode. Das ist ja schon ein Verpetzen der Kinder bei ihren Eltern. Da hätte ich als Betreuer Probleme damit :(
Bei eurer Gruppengröße funktionieren die hier gegeben Tipps auch nicht mehr so wirklich. Wie kannst du denn solche Dinge an 10 Betreuer kommunizieren? Das ist ja ein Ding der Unmöglichkeit und gerade bei 70 Kindern.
Es gibt so eine Faustregel zur Gruppengröße: kannst du nach 2 Tagen nicht den Namen aller Kinder, ist die Gruppe zu groß. Maximal 40 Kinder sollten in einer Gruppe sein, ansonsten verlieren die Betreuer den Überblick. Bei größeren Gruppen kommst du nicht umher die Kinder zu splitten und Haupt-Betreuer für die Gruppen zu stellen.
Die Listenmethode find ich persönlich sehr radikal, zum einen wird dem negativen Verhalten mehr Aufmerksamkeit geschenkt, zum anderen sehen die Kinder, wer sonst noch einen Strich bekommen hat, sollte meiner Meinung nach aber zwischen Kind, Betroffenem und Betreuer bleiben. Zudem fehlt mir irgenteine Konsequenz auf das Verhalten des Kindes, ich finde dementsprechend den Lerneffekt eher gering, wenn dann eher über Angst, nach Hause geschickt zu werden. Für eine zweitägige Veranstaltung kann ein solches System durchaus funktionieren, aber langfristig halte ich es eher für kontraproduktiv.
Ausserdem ist mir aufgefallen, das der Betreuer das Kind mit zur Liste nimmt, also einen gewissen Zeitaufwand hat. diese Zeit könnte man statt dessen auch dafür nutzen, einem oder zwei anderen Betreuern Bescheid zu geben mit der Bitte, auch die anderen zu informieren. Je nachdem, wie weitläufig die Veranstaltung ist, sind meist innerhalb von Minuten alle informiert. Die Zeit, mit allen Betreuern zusammenzukommen, fehlt bei uns auch, aber ne Kurzinfo, wenn man an einem anderen Betreuer vorbeikommt, ist immer drin.
Die Frage ist halt auch wie sich die Leute das merken können. Bei 70 Kindern passieren ja sicher jeden Tag 10 Dinge die man eigentlich kommunizieren müsste. Es sind ja auch so Dinge wie: hatte Heimweh, glaube der mobbt jemanden - beobacht das mal, der will sein Zimmer wechseln - ich habs verboten, und und und
Also bei unserer Kommunikation würde das nicht funktionieren :(
Ab ner gewissen Häufigkeit nutzt es sich denke ich ab und es geht ins Ohr rein und am andren wieder raus. Zumal bei 70 Kindern kein Betreuer wirklich alle Namen kennt, da kommt dann "Hä? Wer is der Karl-Heinz eigentlich?" - "Ja du, keine Ahnung...glaub der mit dem gelben T-Shirt";)
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